Wortlose Begegnung
© Ulla Leber 

 

Nein, sie war wirklich nicht ängstlich, eher kess, und die ewige Angst ihres Verlobten ging ihr langsam an die Nerven.
"Seit einem Jahr arbeite ich jetzt hier", hatte sie ihm gesagt, es ist mir nichts passiert und es wird mir nichts passieren."
Sie
war gerne im Autokino als Kassiererin tätig, mochte die Schlange der heranrollenden Autos, die Scheinwerfer, die sich in die Dunkelheit bohrten, bis sie kurz vor ihr abblendeten.

"Zwei Personen, drei Personen!", riefen die Helfer rechts und links
, während sie das Geld annahm,  wechselte, die Karten austeilte. Nur selten hatte sie Zeit, einen Blick in die Autos zu werfen, die Gesichter der Insassen in sich aufzunehmen. Schattenhaft huschten sie an ihr vorbei, Hunderte, Tausende in einer Woche. Manches Mal, wenn der Gestank der Auspuffgase ins Kassenhäuschen drang, musste sie husten. Dann warf sie die langen roten Haare über die Schulter und nahm sich Zeit für einen Zug aus der Zigarette.
Klaus ist wirklich dämlich mit seiner Angst, dachte sie. Jahre ist es her, seit jenem Überfall und dem Mord an der Kassiererin. Es gibt viele Autokinos, und nie mehr ist so etwas vorgekommen.
"Du weißt, hatte er gesagt", "man hat den Täter nie geschnappt. Er ist nach der Tat verschwunden, links im Wald, spurlos."
Warum ging ihr das heute Abend nur immer im Kopf herum? Sie hatte gute Einnahmen gemacht, und bald war ihre Arbeitszeit zu Ende. Die letzte Viertelstunde schlich wie gewöhnlich eintönig dahin. Nur hin und wieder kam noch ein verspätetes Auto.

In den Wipfeln der Bäume rauschte der Wind, der sich um das Kassenhäuschenfing, den Programmkasten umwarf und die Papiere davon wirbelte. Der eine Helfer hatte schon früher Schluss gemacht.
"Ich gehe für einen Moment ins Büro",  sagte der andere.

Sie war allein. Vor ihr, über den Asphalt, huschte eine Maus. Seitwärts aus dem Fenster schauend, konnte sie das Büro sehen, an dessen Fenster die Vorhänge zugezogen waren. Als sie sich umwandte, stand er vor ihr. Der Mann musste aus dem Wald gekommen sein. Sie wusste, es war kein normaler Besucher, der die
Programmvorschau verlangen würde. Graue Augen blickten sie kalt und fordernd an und sie sah, dass die geballte Hand in der Hosentasche etwas umklammert hielt. Sie versuchte sich zu beherrschen, während sie wartete auf ein: "Geld her, oder ich schieße!"
Da brauste mit heulendem Motor ein Auto heran, ohne abzublenden. Die Scheinwerfer erfassten den Mann, der sich nach links wandte und im Wald verschwand.
"Klaus!"
Sie rief es erleichtert, von der Angst befreit.
"Alles O.K., Schatz?"
"Alles in Ordnung, Klaus!"

Der Wind zauste an ihren langen, roten Haaren, als sie das Geld mit dem zurückgekehrten Helfer ins Büro brachte. Irgendwo da draußen war der Mann, den sie verschwieg. Was hätte sie auch sagen sollen? Es war kein Wort zwischen ihnen gefallen.


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