Rabeas Traum
© Ulla Leber

veröffentlicht 2007 in der Anthologie Abendrot- Ein Hauch von Wehmut bleibt
ISBN 978-3-86703-403-7, Euro 10,70

Schon in früher Kindheit hatte Rabea erfahren, dass sie anders war, Dinge fühlte und sah, die andere Menschen nicht wahrnahmen. Anfangs versuchte sie, sich der Mutter anzuvertrauen, gab es aber auf, als sie merkte, dass sie auf Verständnislosigkeit stieß oder zu hören bekam:
„Du glaubst wohl, du bist eine Hexe!“
Ganz besonders viele Dinge, die sich später ereigneten, sah sie in den klaren Vollmondnächten. Sie schlief in einer winzigen Bodenkammer, aus deren kleinem Fenster sie beim Einschlafen direkt in den vollen Kreis des Mondes sehen konnte, der sich für Rabea öffnete, sie aufnahm und auf  die verschlungenen  Pfade der Zukunft führte. Die Mutter hatte die Tochter in solchen Nächten schon schlafwandlerisch im Hause herumirren sehen, angstvoll mit den Händen vor dem Gesicht.
„Rabea, Rabea, was machst Du nur, was ist mir Dir los!“ 

 

Eines Nachts sah das Mädchen im Traum eine tiefe Grube, in die der Vater hineinfiel und verzweifelt versuchte, sich daraus zu befreien. Aber immer wieder, wenn  seine Hand hochkam, um einen Halt zu finden, an dem er sich hätte herausziehen können, wurde sie von einem dunklen Etwas zurückgestoßen, bis der Vater aufgab und die Grube und alles, was Rabea gesehen hatte, in tiefer Dunkelheit versank. Auch die Mutter sah sie in dieser Nacht auf ähnliche Weise um ihr Leben kämpfen und verlieren. Nur Rabea selbst fiel nicht in die Grube. Sie stand oben auf der ausgehobenen Erde und hörte, wie Stimmen nach ihr riefen: 

„So komm doch endlich!“

Aber sie stemmte die Füße in den rutschigen Boden und kämpfte verzweifelt um Halt, den sie auch fand. Nach diesem Traum erwachte Rabea unausgeschlafen, verwirrt und voller Angst. Die gesehenen Bilder blieben lange in ihr lebendig, bis sie langsam undeutlicher wurden und ganz verschwanden.

Die Tage kamen und gingen, Weihnachten und Neujahr zogen vorüber. Für Februar war ein Urlaub in die Dominikanische Republik gebucht. Die Koffer standen schon  gepackt in der Diele, als Rabea ganz plötzlich die Masern bekam. Die Eltern wollten zu Hause bleiben. Aber Rabea  hörte nicht auf das, was tief in ihrer Seele warnte, sondern überredete die Eltern, allein zu fahren. Die Oma würde schon für sie sorgen.„
Rabea, was ist mit Dir?“, fragte die Oma und strich ihr über die fieberheiße Stirn.

Es ging ihr nicht gut, als sie den ins Taxi einsteigenden Eltern zuwinkte. Dunkle Bilder stiegen auf, von denen sie wusste, dass sie sie schon gesehen hatte, aber sie waren nur schemenhaft, nicht wirklich sichtbar.

Aus der Dominikanischen Republik kamen Anrufe, dass alles wunderschön sei und wie schade, dass die Tochter nicht dabei sein konnte. Rabea überwand die Masern schnell und  freute sich schon auf die Rückkunft der Eltern, die für den kommenden Tag anstand. Doch in dieser letzten Nacht hatte Rabea wieder diesen Traum und dieses Mal wusste sie, was er bedeutete.

Es war der 7. Februar 1996 als ein Flieger auf dem Rückflug von der Dominikanischen Republik 2 – 3 Minuten nach dem Start in den Atlantik stürzte. 176 Passagiere und 13 Besatzungsmitglieder fanden den Tod. 
 

Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen wäre rein zufällig

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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