Geschichten des Alltags und historische Begebenheiten 

Hadamar. Mit der Lesung „Im Schatten des Berges“ von Ursula Leber, geborene Maring, schuf die Kulturvereinigung Hadamar im Stadtmuseum eine breite Öffentlichkeit für die biographische Erzählung der Familiengeschichte Maring in Hadamar. Ursprünglich schrieb sie ihre Erinnerungen der Kriegs- und Nachkriegszeit für ihre Kinder und Enkelkinder auf. Doch Hadamarer Freunde motivierten sie zu der Veröffentlichung eines Buches.

Auf der sonnigen Seite des Neumarktes hatte ihre Familie in zweiter Generation eine Brot- und Feinbäckerei. Neben der Beschreibung der Alltäglichkeit, erzählt sie von ihrer Kindheit, den verschiedenen Beziehungsgeflechten innerhalb der Familie und ihrem Umfeld. Immer wieder werden in den Geschichten des Alltags die besonderen historischen Begebenheiten Hadamars mit eingeflochten und sich mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt.

So erscheint es heute außergewöhnlich, dass einmal im Monat der Mühlenbesitzer Amend aus Runkel vorbeikam, um neue Mehlbestellungen aufzunehmen. Auch das äußere Erscheinungsbild der Beamten im Rathaus, die an ihren Ellenbogen schwarze Ärmelschoner trugen und zur Bearbeitung des Papiers ihren Finger mit einem Schwämmchen befeuchteten, wirkt heute befremdlich, denn dieses Erkennungsmerkmal eines Beamten gibt es nicht mehr.

Die damaligen Kinderwelten, mit Stelzen laufen, aber auch Verstecken spielen auf dem Herzenberg,
werden wie das stundenlange Beschäftigen mit Omas Knöpfesammlung liebevoll erzählt. Auch fanden fantasievolle Kasperspiele unter den Kindern in der Nachbarschaft in einer Ecke des Hofes bei den Kartoffelsäcken statt, und der Elbbach, in der Nähe vom Friedhof, diente den Kindern als Schwimmbad.

Offen erzählt sie die unterschiedlichen Positionen über den Nationalsozialismus innerhalb der Familie. Der Vater war stolz mit dem „Führer“ gemeinsam Geburtstag feiern zu dürfen und glaubte an das tausendjährige Reich. Die Mutter stand dem skeptisch gegenüber, mehr noch, dass was sie erkannte sprach sie innerhalb der Familie aus. Onkel Franz war ein alter Sozi und gehört zu den „Roten“ und Onkel Heinrich war Mitglied der NSDAP – den „Braunen“. Farbbegriffe, die Ursula Leber als Kind nicht verstand. „Indianer gibt es in keinem Weltkrieg“ sagte sie als Kind dazu und meinte die „Roten“ aus Amerika.

Sorgte sich der „Braune“ Onkel Heinrich um den Nachweis der arischen Abstammung, kommentierte die Mutter es mit den Worten „Schade, dass es keinen Abraham oder Isaak gab.“

Ursula Leber verstand damals nicht, warum sie nicht mehr mit ihren jüdischen Spielkameraden Ruth und Judith spielen dürfte und als es ein Gerücht darüber gab, dass diese nach Amerika ausgereist seien, überlegte sie mit ihrer kindlichen Naivität, ob sie noch mal zurückkommen werden.

Mit der eigenen Reife verändert sich dann auch die Erzählweise im Buch. Mit dem Einmarsch der Amerikaner werden neue Beziehungsgeflechten zwischen Amerikaner und Deutschen sichtbar. Auch wie manche ihre Verhalten der Vergangenheit in der Gegenwart verdrängten. Über die NS- Vergangenheit wurde dann in der Schule nicht mehr gesprochen, sagte sie in ihrem Buch, dafür „haperte es am Sattwerden und an Kleidung“. Für ihre Familie war dies weniger ein Problem, denn Tante Kätchen konnte die Familie mit ihren Ziegen, Hühner und Gänsen gut versorgen. Ursula Leber schrieb im letzten Drittel des Buches. „Wir gehörten zu den Glücklichen, die das große Elend nur am Rande erlebt hatte“ und später Onkel Heinrich, der „Braune“ war geheilt. Zwar hatte er noch seinen Sinn für Recht und Ordnung, aber er schwor sich nie wieder einer Partei einzutreten.

Auch wenn Ursula Leber zur Einführung des Lesung sagte: „Es gab wenig Informationen über den Nationalsozialismus und wenn die Familie etwas wussten, war dies einseitig“. „Im Schatten des Berges“ ist eine detaillierte Beschreibung der damaligen Zeit und schildert aus der Perspektive eines Kindes die verschiedenen Anforderungen, die von der Gesellschaft an es gestellt wurden und die es auch zu bewältigen galt.

„Im Schatten des „Berges“. Erinnerungen aus Vor-, Kriegs- und Nachkriegszeit“ von Ursula Leber ist im Engelsdorfer Verlag Leipzig 2006 erschienen. Auf der Webside http://www.ullaonline.de gibt es weitere Informationen über die Autorin.

Quelle: NNP
21.03.07

 
 


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