Die Familienfeier 
© by Ulla Leber 


Wir haben zur Geburtstagsfete geladen. Die Kellerräume der Gaststätte  sind festlich hergerichtet, zur Begrüßung werden die Päckchen und Blumen überreicht, ein Küsschen hier, ein Küsschen da.
„Nein, nein, kaum zu glauben, schon 60, das sieht man dir aber nicht an, noch so jugendlich und sportlich!“

Der Begrüßungssekt perlt in den Gläsern, die geleert und schnell nachgefüllt werden, die  Wangen röten sich, und die Ersten haben sich bereits um den Tresen postiert, wo sie am liebsten den ganzen Abend bleiben würden und genießen das  kalte Bier, das in die Gläser zischt. Ein Fremder im Blaumann hat sich die Treppen heruntergewagt um zu schauen, was da unten abgeht. Er mischt sich unter die Gäste und auf die Frage,  ob er direkt von der
Arbeit komme, antwort er: „Ja, aus Weißrussland.!“
Man schaut sich verwundert an und macht den Gastgeber auf den Fremdling  aufmerksam, der mittlerweile nach einem Wodka verlangt. Der Ober bittet den Fremden im Blaumann, wieder nach oben zu gehen. Der faselt mit Tränen in den Augen von Väterchen Russland, das so fern ist, dass  niemand ihn versteht und verzieht sich russisch krakeelend nach oben. 

Auch die notorisch zu spät Kommenden sind eingetroffen. Das ausgelegte  Gästebuch hat die ersten Flecken, und der Mann mit der Pfeife hat den Kellerraum bereits  gemütlich eingenebelt.  Aus dem Nachbarraum lockt der Musikus am Keyboard dezent zum Hereinkommen und Niedersetzen.
„Na, dann wollen wir mal“, sagt der Gastgeber und Neusechziger und bittet an die mit Blumengestecken  geschmückten Tische. Der Ober geht rund und sorgt für die, die den roten und weißen Wein auf dem Tisch vielleicht nicht mögen. Der Mann am Keyboard dreht langsam auf und versucht die Musikwünsche der Gäste zu erraten. Das angejahrte Geburtstagskind bittet um Ruhe und begrüßt mit einer honorigen Rede die vielen Gäste, um zum Schluss zum kalten und warmen Büfett zu bitten, das im Vorraum aufgebaut ist.
„Endlich!“ stöhnt meine Nachbarin, ich habe furchtbaren Hunger.“
Es klappert verhalten und die Schlange am Büfett wird immer länger.

Während des Essens wird die leise Musik vom Keyboard nur vom Klappern der Bestecke begleitet. Dann greift auch der Musikus nach Teller und Gabel. Es schmeckt allenthalben und von dem was übrig bleibt, könnte man noch eine ganze Schulklasse nach zwei Stunden Dauerlauf durchfüttern. Danach melden sich Gratulanten mit Gedichten und Reden. Es wird warm und wärmer im Raum, die Köpfe röter und die Zungen gelöster. Die ersten Tänzer fordern ihre Damen auf und wirbeln sie mehr oder weniger gekonnt über die Tanzfläche. Der Gastgeber schwitzt, geht von Tisch zu Tisch und wie gehabt -  ein Wörtchen hier, ein Küsschen dort.

Der Zeiger der Uhr schreitet voran zum Geburtstags Highlight.  Eine jugendliche Gruppe singt im Playbackverfahren deutsche Schlager. Sie treten als Nena, Wolle und DJ Ötzi auf  und verbreiten riesige Stimmung.
„Ach, wie ist das schön“, sagt eine 80 jährige. !So eine tolle Feier hab ich noch nie erlebt."
Im mittlerweile Rauch geschwängertem Kellerraum singen wir mit  und heben  die Hände zum Himmel und singen im Chor: "Hölle, Hölle, Hölle!" 
Die Enkelkinder, die andere Musik gewöhnt sind, lächeln vor sich hin: „Na, ja der Opa, was dem so gefällt!“ 

Eine aus der Playbackgruppe hat am nächsten Tag Geburtstag, also wird um 24.00 Uhr darauf angestoßen. Der Ober hat den Auftrag, der Gruppe Sekt auszuschenken missverstanden und beglückt den ganzen Saal mit Mitternachtssekt.Die ersten verabschieden sich. Nach und nach leert sich der Raum. Nur noch der engste Kreis der Familie setzt sich zusammen.
"Na, "Vatter, lässt sich der Älteste vernehmen, jetzt bist du schon Sechzig, und du in zwei Jahren“, sagt er zu mir gewandt.
Die Tochter, den Blick leicht alkoholvernebelt meint zu mir: „
Du nimmst aber andere Musik und feierst in ganz anderem Rahmen, oder?“
„Wie anders, hat es dir nicht gefallen?“, fragt mein Mann irritiert.
„Doch es war schön ,sagen der Jüngste und seine Freundin wie aus einem Munde. Mir aber  flüstert er ins Ohr: „Meiner Katka gefällt doch grad alles.“
Die Schwiegertochter schaut tief in ihr Rotweinglas und enthält sich der Stimme. Die Enkelkinder greifen noch einmal zum Nachtisch, und  der Opa freut sich, dass er endlich nur im Kreise seiner Familie ein kaltes Bier
genießen kann. Die Worte gehen hin und her, bis ich meine Tochter in einem Ton, den ich kenne, sagen höre:
„Ich brauche keinen Herd für 2.000 Euro, einer für 800 tut es auch.
2.000 Euro! Und in Afrika verhungern die Menschen, das finde ich unanständig.

„O Gott“, sagt der Älteste, „sind wir schon bei Afrika.“ Das kennt er von seinem Schwiegervater, dem jeden Heiligen Abend, nachdem alle sich am reich gedeckten Tisch gelabt haben, die Kinder in Afrika einfallen und zu weihnachtlichen Tränen rühren. 
„Meine Schwester ist viel zu gut für diese Welt“ wiederholt er sich, um dann seiner Frau Sabine zuzurufen:
„Und du willst schon wieder eine neue Waschmaschine? Was brauchen wir die, wir schicken das Geld lieber nach Afrika.“
„Das könnte dir so passen, schreckt diese von ihrem Rotweinglas auf, aus
dem sie gerade selbstvergessen ein paar Schluck genossen hat: "Du kannst ja mal deine Hemden und die Sachen der Kinder selbst waschen, dann merkst du , was das für eine Arbeit ist.“
"Ja, ja", pflichtet Katka ihr solidarisch bei.
„Ich will aber einen ordentlichen Herd“,  lässt sich unbeirrt mein Schwiegersohn vernehmen, "schließlich kaufe ich nur einmal einen Herd.“
"Das glaubst auch nur du", lässt sich der Älteste wieder vernehmen. "
Sei erst einmal so lange  verheiratet wie ich, dann kaufst du alles schon zum dritten Mal neu."

Der jüngste Sohn schüttelt den Kopf, während seine Freundin einwirft:
„Ein ganz einfacher Elektroherd tut es doch auch. Notfalls kann man sogar auf einem Kohleherd kochen. Die Behauptung
mit dem Kohleherd kränkt die Ehre aller. Sie sind sich darin einig, dass das wohl nur noch in Tschechien gehe, wo Katka herkommt.
„Ich will überhaupt keinen Herd mehr, lässt sich meine Tochter vernehmen, ich koche sowieso nichts. Warum soll ich überhaupt kochen? Nur weil ich verheiratet und zufällig weiblich bin? Schließlich arbeite auch ich den ganzen Tag.“

„Wie seid ihr auf den Herd gekommen“, fragt mein Mann, das Geburtstagskind, ganz erschrocken seine Kinder. Meiner Tochter stehen die ersten Tränen in den Augen.
„O Gott, sie ist am Kippen", sagt ihr Bruder.
"Wer kippt?", fragt mein Mann. 
„Ich hatte heute Stress im Geschäft, entschuldigt bitte ,und ich habe auch ein Gläschen zu viel getrunken, glaube ich", sagt die Tocher  und schnupft in ihr Taschentuch.
"Ja, ja, viel zu gut für diese Welt", murmelt der Älteste und zwinkert mir zu.
Ich versuche abzulenken. „Schaut mal, was da alles übrig ist, packt euch ein und nehmt mit nach Hause, dann habt ihr morgen zu essen.“
„Wir essen nichts vom Tage vorher“, höre ich es sagen.
Da fällt mir irgendwie Afrika ein. 

 

 


 


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