Wenn sich Lili Schönemann und J.W.Goethe in den Siebzigern getroffen hätten.
© Ulla Leber   

Natürlich muss ich mich bei der Party, die Mama gibt wieder zur Schau stellen.
"Spiel eine Sonate, Lili, die Gästen mögen das."
Wie ich sie hasse, diese Partys! Die dichten Rauchschwaden, die in den Räumen hängen, die nichts sagenden Unterhaltungen, das klimpernde Gold an den Handgelenken von Mamas ältlichen Freundinnen, die einfältigen Freunde meiner Brüder.

Und wer bitte,  hört heute schon gerne Sonaten?
Ich entscheide mich für Mozart, die Sonate Nr.8 in D-Dur, die ich im Schlaf beherrsche. 
Als ich beim Spielen aufblicke, sehe ich ihn, schaue in Augen, die mich unverwandt anstarren. Als Johann Wolfgang Goethe wird er mir später vorgestellt, Goethe der Schriftsteller, der Anwalt. Die Leiden des jungen

Werther, seinen ersten Roman, hoch gelobt in der Frankfurter Allgemeinen,
habe ich kürzlich gelesen.

Wir tanzen zusammen, oftmals an diesem Abend. Endlich einmal ein Mann mit Geist unter all den Snobs, die Mama mir aufsprechen will, bloß weil sie Geld haben. Als Goethe sich verabschiedet, bittet Mama ihn wiederzukommen. Sie verspricht sich dadurch literarischen Glanz für Ihren Kreis. Schließlich ist
Goethe "In".
J.W. nenne ich ihn in meinen Gedanken. Ich gestehe, er hat Eindruck auf mich gemacht, mehr als Mama lieb sein dürfte.

Unsere Familie ist angesehen, gilt als reich. Aber der Glanz ist seit dem Tode
des Vaters reichlich am Bröckeln. Mama, die Brüder und der Onkel wünschen
sich für mich einen Mann mit Geld, der ins Bankiersgeschäft einsteigt.
Ich frage Mama:" Kennst du eigentlich die Goethes?"
"Da ist nicht viel zu kennen", antwortet sie. "Der Großvater väterlicherseits
des jungen Goethe war ein Schneider."
"Haute Couture"?, frage ich hoffnungsvoll.
"Nein Lili, ganz einfach nur ein Herrenschneider. Aber er hat es zu Geld
gebracht, von dem Goethes Vater lebt. Er hat noch nie richtig gearbeitet,
lebt nur vom Ererbten und für seine Hobbys. Die Mutter heißt Aja, ein
komischer Name. Der Großvater mütterlicherseits war Leiter der
Rechtsabteilung unserer Stadtverwaltung. Übrigens wohnen die Goethes in
einem alten Haus am Hirschgraben. Eine Tochter haben sie auch noch. Ich

glaube sie heißt Cornelia und ist verheiratet. Die Rechtsanwaltspraxis des
jungen Goethe ist  im Elternhaus, wo er auch noch lebt. Er soll ja unwahrscheinlich begabt sein, aber an der Juristerei wenig Spaß haben, dafür umso mehr am Schreiben. Den Doktortitel hat er auch nicht, hat aber nichts dagegen, wenn er so angeredet wird.
Reichtümer werden ihm seine Arbeit nicht einbringen, es wäre gut, wenn Du
dies nicht vergessen würdest, Anna Elisabeth", fuhr sie mit erhobenem Zeigefinger, fast schon ein wenig drohend, fort.
Anna Elisabeth, so nennt sie mich, wenn sie mich warnen will. Aber wenn ich
mir etwas in den Kopf gesetzt habe, nützen ihre Worte wenig, und ich glaube, den Johann Wolfgang habeich mir in den Kopf gesetzt. Sein lässiges Auftreten, seine Augen voller Tiefe und Feuer, haben es mir angetan.

Im Theater am Turm bringen sie ein Kriminalstück von ihm. Es soll schon seit Tagen ausverkauft sein. Ich werde ihn einfach anrufen. Sicher hat er noch Karten.
"Hallo, ich möchte gerne Herrn Dr. Goethe sprechen!"
"Ja, privat!"
Ein Moment Stille, dann ein Knacken in der Leitung.

"Hier Goethe!"
"Hallo´, hier Lili  Schönemann, Sie erinnern sich? Ich würde gerne die Mitschuldigen sehen. Hätten Sie vielleicht noch eine Eintrittskarte für mich?"
Ich höre ein kurzes Räuspern und könnte wetten, dass er sich freut.
"O.K. Lili, ich hole sie ab, heute 19.30 Uhr. Einverstanden?"

Na also, das hätte geklappt.  Rasch ein Termin beim Friseur.

"Es soll aber nicht aussehen, als käme ich gerade von ihnen", weise ich den Meister an.
Später suche ich im Kleiderschrank. Natürlich wieder nichts Passendes da.
Was nehme ich nur? Ich entscheide mich für etwas einfach Klassisches.
Ich erinnere mich der Gerüchte, die ich über J.W. gehört habe. Zahlreiche Frauengeschichten, eine Katharina, eine Friederike, eine Lotte
"Jetzt bin ich an der Reihe, ich, Anna Elisabeth Schönemann, genannt Lili",
sage ich zu meinem Spiegelbild, mit dem ich recht zufrieden bin.


Es hupt. J.W. mit einem blauen BMW wartet an der Auffahrt. Wir fahren zum
TAT. Im Theaterraum erkennen einige den Autor. Gedämpfter Applaus
begleitet uns auf dem Weg zu unseren Sitzen in der ersten Reihe.
Eigentlich ein bitteres Stück diese Mitschuldigen. Zeigt es nicht auch
Frankfurter Missstände? Jeder betrügt jeden. Bühnensicher geschrieben,
stand in der FAZ, mit gut funktionierender Handlung.
J.W.
Ich sitze neben ihm mit heftig klopfendem Herzen, glückselig und total hinüber.Vor Ende des letzten Aktes eilen wir hinaus, unsere Hände finden sich.

Die Tage kommen und gehen. Ein sonniger Frühling hat einen milden Winter abgelöst. Ich schaue hinaus in den Garten auf die gelben Osterglocken und weißen Narzissen, die auf schlanken Stielen schaukeln, kann nur an einen denken, an Johann Wolfgang. Was für ein herrlich altmodischer Namen,
was für ein Mann! Ich habe mich verliebt, da bin ich mir ganz sicher und
Mama? Natürlich hat sie das längst bemerkt.

"Du rennst in Dein Unglück, Anna Elisabeth!Ein Poet, ein Weltverbesserer, ein Stückeschreiber. Um seine Praxis macht er sich wenig Gedanken, setzt sich
nur ein für radikale Herumtreiber. Außerdem bist Du viel zu jung für ihn!"
Auf einmal soll ich zu jung sein? Dabei hätte sie sofort auf Heirat gedrängt,
wenn ein Geldmann gekommen wäre, egal ob er jung oder alt gewesen wäre.

J.W. ist für einige Tage verreist und seine Mutter, Frau Aja, hat mich
eingeladen in den Hirschgraben. Ich nehme Blumen mit, die ich am
Rossmarkt gekauft habe. Ein wunderschönes, nostalgisches Haus empfängt
mich. Eigentlich sind es zwei Häuser, die zu einem umgebaut wurden.
Herrliche alte Möbel, Kachelöfen und wunderschöne stilvolle Gemälde. Eine Fundgrube für Antiquitätenhändler. Wir trinken Kaffee, essen Frankfurter

Kranz, die Mutter von J.W. ,sein Vater und ich. Ich spüre genau, Frau Aja beobachtet mich, schätzt ab, erwägt das Für und Wider. Ich empfinde sie
als einen starken Charakter, in ihren Worten direkt und geradeaus. Sie ist
eine von denen, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen und auch
kein Blatt vor den Mund nehmen.
Der Vater dagegen scheint mir frühzeitig verbraucht, seltsam, wo er doch nie sein Brot verdienen musste.
Wie alle Eltern erzählen sie viel von früher. Frau Goethe spricht von ihrem Wölfchen.
Großer Gott Wölfchen, ich denke ich höre nicht recht.

Sie ist stolz auf ihn, will, dass er es weit bringt.


Sein Zimmer wird mir gezeigt. Überall liegen angefangene Manuskripte
herum, nichts scheint abgeschlossen. Aus den oberen Räumen höre ich ein Rumoren. Ein schlurfendes Tappen kommt die Treppe herunter, ein verwahrloster Mann mit abwesendem Blick kommt herein, wird mir als
Hausbewohner Clauer vorgestellt.
Er ist eindeutig schizophren, denke ich und bin verwundert, dass J.W. hier arbeiten kann.

Am Wochenende habe ich eine Verabredung mit J.W. Wir treffen uns bei
seinen Freunden, das sind Politiker, Leute vom Fernsehen und ein Haufen Linksradikaler.
Wenn das seine Mutter wüsste!
"Wir müssen die Gesellschaft ändern. Soziale Gerechtigkeit für alle", höre ich.
"Für mich gibt es nur die freiheitlich demokratische Grundordnung", erklärt
J.W.
"Ohne die Freiheit des Geistes ist kein menschenwürdiges Leben möglich",
fährt er fort.


Ich lausche den Gesprächen, langweilige mich ein wenig. Denn für Politik interessiere ich mich nicht besonders. Ich liebe mein Land, mein Frankfurt mit all seinen Fehlern, dem U-Bahn Bau. Ich liebe den Main am Abend, wenn die
Lichter seine trüben Fluten barmherzig verzaubern. Ich liebe den Römer, den Dom, die Theater, das geschäftige Leben in der Stadt, vom Geld bestimmt.

Ich bin ganz zufrieden mit ihr und in ihr.
Ganz anders J.W. Er lebt in ständiger Auseinandersetzung mit der Führung der Stadt, wirft ihr Fehlverhalten vor, spricht von einer Hungersnot des guten Geschmacks.
Armes, altes Frankfurt!

Der Sommer ist da mit klarem Himmel, strahlender Sonne, heiß, wie selten zuvor. Mein Onkel Orwill hat mich zu sich nach Offenbach geholt. Ich soll bei
den Kindern helfen. Offenbach, das zu schnell gewachsene Dorf finde ich furchtbar. Aber das Anwesen meines Onkel ist schön. J.W. ist oft zu Gast. Wir gelten schon fast als ein Paar. Unsere Familien sind davon nicht begeistert.
Der seinen bin ich zu mondän, ein Partygirl ohne Ernst und Berufsausbildung,
der meinen ist er zu  wenig auf Geld bedacht. Was juckt es mich? Er ist ganz reizend zu den Kindern, hat sogar ein Gedicht für sie verfasst.


Mittlerweile habe ich schon einige Manuskripte von ihm gelesen, und ich bin 
baff über sein Verständnis von der Rechtschreibung. Mit der Orthographie und Interpunktion steht er offensichtlich auf Kriegsfuß. Wenn ich ihn darauf
aufmerksam mache, lacht er:
"Das sind unmögliche Regeln, wir benötigen eine Reform der Rechtschreibung."
So kann man auch damit umgehen, staune ich.


Er hat unbedingt Erfolg bei Frauen, sonnt sich in ihrer Gunst, wie der Rad schlagende Pfau oder der Gockel auf dem Mist, denke ich, wenn ich ihn beobachte.
An mir liegt es nicht, dass wir noch nicht im Bett waren. Bisher haben ihm
Küsse und Umarmungen genügt. Hin und wieder überlege ich, dass er das

Gefühl der Liebe braucht, um kreativ tätig zu sein und dass ich ihn auf Dauer nicht fesseln kann, absolut austauschbar bin.
Mit seinem Geburtstag am 28. August neigen sich die schönen Sommertage
im hässlichen Offenbach dem Ende zu. Ich habe ihm altmodischer weise ein goldenes Herz geschenkt.
"Lili, meine Einzige, Lili mein Leben", sagt er zu mir, um gleich auch über den Kreislauf der Liebe laut und belehrend nachzudenken:
Steigen und Fallen, Erneuern und Vergehen!

Ich bin wieder zu Hause.
" Anna Elisabeth, lasse die Finger von Goethe, er ist nichts für Dich, bringt Dir kein Glück", mahnt Mama.
In Frankfurt ist Buchmesse. Ein wahrer Goetheboom hat eingesetzt.
Der absolute Renner ist Werthers Leiden. Es hat einen weltweiten Sturm ausgelöst. Finanziell dürfte J.W. jetzt für alle Zeiten ausgesorgt haben, selbst
in Mamas Augen. Warum also will sie ihn nicht für mich?
Er wird herumgereicht. J.W. im Radio, im TV, in der Presse sowieso. In einem Interview nimmt er Partei für jugendliche Demonstranten, die die Innenstadt lahmgelegt haben, geißelt die Fehler der Polizei, spricht von zu hartem Einsatz. Ich sehe ihn in sämtlichen Talkshows. Lässig in Jeans gekleidet, gibt er sich

als Individualist, ist in seinen Antworten ironisch beißend.

Ironisch finde ich ihn auch mir gegenüber. Er bringt mir Blumen und
Geschenke. Aber wieviel Anteil habe ich eigentlich an seinem Leben? Ich wäre bereit auch ohne Ehe mit ihm zusammen zu leben. Schließlich kräht doch
heute kein Hahn mehr danach. Aber ich bekomme ihn einfach nicht ins Bett.

Ich glaube, wenn es endlich passiert, wird die Erde in ihrem Umlauf einhalten
und wir beide werden für einen Augenblick eins sein mit der Unendlichkeit.

Wann wird es endlich so weit sein?
Eigentlich bin ich mir sicher, dass er mich liebt, jedenfalls soweit er zur Liebe
fähig ist. Trotzdem werde ich in trüben Stunden den Verdacht nicht los, dass
ich eine austauschbare Muse für ihn bin. Liebe wie bei Romeo und Julia gibt es in der Realität für ihn nicht. Ist er ein grenzenloser Egoist oder einfach nur ein Genie, das man mit anderen Maßstäben messen muss?

Noch sind uns warme Tage beschieden, aber die ersten feuchten
Morgennebel kündigen den Herbst an. Wir haben burschikosen Besuch
aus Heidelberg, eine Freundin Mamas, die Gefallen an J.W. gefunden hat.
"Altmodisch hin, altmodisch her, warum verlobt Ihr Euch eigentlich nicht,
das ist fast schon wieder In"?, sind ihre Worte.
Ja, warum eigentlich nicht? Wir legen die Hände ineinander, sind verlobt.
Die Zweifel die hochkommen, verdränge ich. Mama nutzt natürlich die
Gelegenheit für eine Party, hat ihren Unmut in die Gedanken an die Auflagen

des Werther beiseite gelegt, zumal ihr zu Ohren gekommen ist, dass
Hollywood Interesse angemeldet hat. Auch die Goethes haben scheinbar
nichts mehr gegen mich.
Frau Aja wird denken: "Wenn Lili für das Wölfchen gut ist, soll es mir recht
sein."

Herrliches, altmodisches Gefühl, verlobt zu sein. Am Finger trage ich nun
seinen Ring, der mit einem leuchtenden Stein verziert ist. Ich habe
zwar schönere, aber keiner ist mir wertvoller.

Seitdem wir verlobt sind, ist J.W. unberechenbar. Er kommt und geht,
wie es ihm passt.
"Lili, ein Urlaub in der Schweiz würde mir gut tun. Du hast
doch nichts
dagegen? Ich komme ja wieder."
Ein altes Volkslied fällt mir ein:

Ade mein Schatz, ich scheide, ade mein Schätzelein.
Wann kommst Du aber wieder,
Herzallerliebster mein?
Wenns regnet rote Rosen
und schneit Vergissnichtmein...

Er ist fort. Ich glaube, er ist geflohen vor seiner Liebe zu mir und meiner
Liebe zu ihm. Ich weine mich abends in den Schlaf und bin mir sicher,
er wird nicht wiederkommen. Briefe erreichen mich aus der
Schweiz, unbeschwert, wie sie Männer zu schreiben pflegen, wenn sie
mit Freunden auf Tour sind. Er erzählt von seiner Schwester Cornelia, die  ein
Kind erwartet und die unglücklich ist.
"Sie hat mich vor der Ehe gewarnt", teilt er mit. 
Ansichtskarten kommen vom Rigi, vom Vierwaldstätter-See. Er ist in
Zürich, schreibt von einer neuen Bekannten.

Lili, die Sitzengebliebene! Ich werde bedauert.
"Hast Du endlich eingesehen, dass diese Verlobung nichts bringt?"
Mama kann es nicht lassen.
"Sie hat mir schon viel gebracht", antworte ich.

Plötzlich ist er wieder da, ohne Ankündigung, ergreift erneut Besitz von
mir. Bringt mir das Teuerste, Modernste mit, ist eifersüchtig auf Mamas
reiche Freunde, wenn sie mit mir flirten. Doch er kann mich nicht täuschen.
Ich weiß, dass ich verloren habe.
Wir gehen die neonbeleuchtete Zeil
entlang, starre mit tränenblinden Augen in überladene Auslagen. Ich habe
Schluss gemacht, die Verlobung gelöst. Dazu geführt hat die
endgültige Erkenntnis,  dass er nicht mich liebt,  sondern  nur verliebt ist

in die Liebe.

Er hat Frankfurt verlassen, alle Beziehungen abgebrochen, ist
regelrecht geflohen, vielleicht für immer. Ich habe ihm die Freiheit
wieder gegeben, die er braucht, und ich lasse ihm gerne das Gefühl
der Entsagung, das er benötigt.
Ich habe den Weg freigemacht für andere Frauen, die ihm noch ihre

Gunst schenken werden, durfte ihn ein kleines Stück seines Lebens
begleiten. Nun werde ich meinen eigenen Weg einschlagen, ich
Lili Schönemann, aus Frankfurt am Main.


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